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Rolle des Beispiels
Rolle des Beispiels

 

17,10,05 – Die Rolle des ‚Beispiels‘ in Argumentation und Erkenntnis

 

Das ‚Beispiel‘, obwohl eine der alltäglichsten Erscheinungen in der Wissenschaft oder generell in der Argumentation, wird jedoch in der Wissenschafts- und/oder Erkenntnis-Theorie äußerst stiefmütterlich behandelt. M.a.W., es findet sich meines Wissens keine systematische Analyse über die zentrale, wichtige Rolle des Beispiels bei der Argumentation, die zu Erkenntnis führen soll.

Ich möchte 3 Formen des Beispiels unterscheiden:

  • Das Existenz-Beispiel
  • Das Muster-Beispiel
  • Das instruktive Beispiel
  • zu 1. Das Existenz-Beispiel

Es handelt sich um einen Einzelfall der als  Nachweis dient, dass ein Sachverhalt, ein Ding tatsächlich existiert. Hier müsste also typischerweise ein Beispiel her: In der kanadischen Stadt Banff, in den Rocky Mountains, gibt es interessante Hotels. Z.B. das bekannte Banff Springs Hotel oder das Banff International Hostel.

zu 2. Das Muster-Beispiel

Es handelt sich um einen vorbildlichen Einzelfall für einen Sachverhalt oder ein Ding. Auch hier müsste wieder typischerweise ein Beispiel her: Z.B. Alexander Neill war ein vorbildlicher Pädagoge. Oder ein weiteres Beispiel: Das ist das Muster-Beispiel eines bürokratischen Verfahrens. Und noch ein Beispiel: Dieses Gebäude (siehe das Foto der Victoria Station in London) ist ein besonders gut bekanntes Exemplar der Architektur der viktorianischen Epoche.

Und nun müsste genauer dargelegt werden, wieso Alexander Neill eigentlich ein vorbildlicher Pädagoge war. Oder worin genau jenes Verfahren bestand, dass man es als Muster-Beispiel für Bürokratie ansehen kann. Oder wie ein Gebäude der viktorianischen Epoche typischerweise beschaffen ist.

zu 3. Das instruktive Beispiel

Z.B. Das Böse existiert tatsächlich: siehe dazu als Beispiele den nationalistischen Fanatismus oder einen grausamen Massenmörder.

Was das instruktive Beispiel von den beiden anderen (durchaus wichtigen und sinnvollen) Beispiel-Formen abhebt, ist seine implizite Aussagekraft. Geht man nämlich tatsächlich explizit auf seinen Inhalt ein, so ist es insofern aufschlussreich für den Sachverhalt, als es über die wesentliche Struktur desselben Aufklärung verschaffen kann. – Nimmt man etwa den nationalistischen Fanatismus, so muss man sich einerseits Gedanken machen über das Thema ‚Fanatismus‘ und andererseits Gedanken darüber, an was sich der Fanatismus heften kann, z.B. Religion, Nation, Klasse, Rasse, Revolution, Konterrevolution etc. Des Weiteren, wieso sich aus je solch einer Kombination grausame Verbrechen gegen Andere, als Gegner postulierte Menschen, z.B. in einem Bürgerkrieg, ergeben können. Vgl. dazu beispielsweise Jugoslawien nach Titos Tod.

Aufgrund seiner immanenten strukturellen Aufklärungsfähigkeit bzgl. eines Sachverhaltes sehe ich das instruktive Beispiel als das wichtigste für die Erkenntnis an. Und sofern man wirklich die Struktur eines Sachverhaltes anhand verschiedener Beispiele darlegen kann, so ist eine solche Analyse ein qualitatives Ergebnis, während statistische und/oder berechnende Untersuchungen ergänzend dazu quantitative Ergebnisse liefern können. Z.B. um einen Orkan zu verstehen, braucht man einerseits instruktive Beispiele von der Wirkung eines Orkans (entwurzelte Bäume, Gebäudeschäden, Überschwemmungen, Erdrutsche etc.) und andererseits quantitative Darstellungen über den Verlauf des Orkans: <Nach aktuellen Berechnungen zieht NATE jetzt nordwärts und streift heute Abend die mexikanische Halbinsel Yukatan, bevor er weiter in den Golf von Mexiko zieht. Dort nimmt er unter Verstärkung Kurs auf die amerikanische Golfküste, wo er Sonntagfrüh in Hurrikanstärke auftreffen könnte.> (Bericht in ‘Wetteronline’ vom 06.10.17).

Wie das Beispiel des Orkans lehrt, kann die quantitative Darstellung des Orkans (Sturmstärke-Veränderungen, Menge des Regens, Ausmaß der Zerstörungen, Verlaufsrichtung usw.) die qualitative Anschauung der einzelnen Wirkungen des Orkans nicht ersetzen. Letzteres leisten die instruktiven Beispiele.

 

Obwohl die instruktiven Beispiele eine zentrale und wichtige Rolle für die Erkenntnis spielen, werden solche Beispiele oft nicht als wissenschaftlich im eigentlichen Sinne angesehen. Manchem ‚abstrakten‘ Text merkt man es an, dass der Autor sich geniert, instruktive Beispiele zu bringen. Das erscheint ihm wohl zu banal und vielleicht hat er Angst, von seinen ‚Königsberger Kollegen‘ nicht ernst genommen zu werden, wenn er den Text verständlich gestaltet.

Manche der ‚Königsberger Kollegen‘ [ich verwende diesen Ausdruck nach dem Polanski-Film „Tanz der Vampire“; Prof. Abronsius (der Vampirforscher) kam aus Königsberg] sind wohl der Meinung, dass instruktive Beispiele unwissenschaftlich seien, vor allem wenn sie aus der eigenen (‘subjektiven’) Erfahrung des Argumentierenden stammen. Objektiv wissenschaftlich seien erst statistische und/oder berechnende Untersuchungen.

Ich glaube nicht, dass man dies gegeneinander setzen sollte. Beides ist sinnvoll. Doch ich denke, die primäre Erkenntnis eines Sachverhaltes liegt in den instruktiven Beispielen, welche die Struktur des Sachverhaltes aufdecken können, wenn man die Beispiele genauer analysiert. Und dass ein instruktives Beispiel aus der eigenen Erfahrung des Argumentierenden stammt, bedeutet für mich: wenn er redlich ist, umso besser, dann ist das Beispiel wirklich authentisch und stammt nicht einfach vom Hörensagen.

Ganz problematisch wird es allerdings, wenn ein Königsberger Kollege irgendwelche Fach-Unterteilungen wie unüberwindliche Mauern verteidigt. Da hat ein Beispiel aus der Erziehung  a priori nix mit der Wirtschaft zu tun. Oder ein Politik-Professor verweigert sich a priori (bei einer methodologischen Fragestellung bzgl. Argumentation) einem (einfachen) Beispiel aus der Geometrie, da er sich mit Mathematik nicht auskenne – wiewohl der doch wohl irgendwann das Abitur gemacht hat. Oder ein Soziologie-Professor duldet apodiktisch (und böse) kein methodologisches Beispiel aus der Naturwissenschaft, da Soziologie methodologisch a priori nix mit Naturwissenschaft gemein habe.

Zu diesen Beispielen bzgl. der ‘Königsberger Kollegen’ fällt mir nur ein: Ignoranz kennt kein Pardon!

 

 

Weg von der Abschweifung zu den ‚Königsberger Kollegen‘ und wieder zurück zum Thema!

 

Ich denke, dass das, was ich unter einem ‚instruktiven Beispiel‘ verstehe, einen gewissen Zusammenhang mit dem Operationalismus (nach Percy W. Bridgman 1927) hat – vorausgesetzt, dass man diesen nicht zu eng sieht. In diesem Sinne ist es wichtig, dass man nicht einfach irgendwas daher sagt, wovon man annimmt, dass es stimmt oder der Fall ist, sondern dass man dies an einem ‚echt gelaufenen‘ Beispiel erläutert. (Das echt gelaufene wird hier gegen das künstlich fabulierte Beispiel gesetzt). Man kann z.B. dahersagen: „In Deutschland gibt es keine wirkliche Meinungsfreiheit“. Ohne irgendwelche instruktiven Beispiele ist der Satz erstens nicht wirklich plausibel und zweitens weiß man nicht, wie er konkret gemeint ist, wie sich das Behauptete konkret darstellt. Diese Art von ‚Konkretisierung‘ ist meine, mir plausible Form von ‚Operationalisierung‘. Mit einer ausführlichen beispielhaften Konkretisierung wird gleichzeitig eine Struktur des Sachverhalts offenbar, die sich durch Häufung von diversen anderen ausführlichen Beispielen weiter ausdifferenzieren kann.

 

 

Ich möchte das anhand eines instruktiven Beispiels erläutern: Bei der kurzen Abhandlung über die Entwicklung des „Neopositivismus der dreißiger Jahre“ kommt Alfred Bohnen auf die „sogenannten Dispositionsbegriffe“ zu sprechen: <wie „löslich“, „magnetisch“, „leistungsmotiviert“ usw. Sie bezeichnen die Tendenz eines Gegenstandes oder Organismus, unter bestimmten Bedingungen ein bestimmtes Verhalten zu zeigen.>

 

<Beispielsweise könnte der Sinn des Dispositionsprädikats „leistungsmotiviert“ in folgender Weise charakterisiert werden:

Wenn eine Versuchsperson aufgefordert wird, zu einer Reihe von ausgesuchten Testbildern Geschichten zu schreiben, so darf sie dann als leistungsmotiviert gelten, wenn in ihren Geschichten die Sorge um die Bewältigung bestimmter Aufgaben zum Ausdruck kommt.> Dadurch wird der Dispositionsbegriff zwar nicht vollständig definiert, aber immerhin partiell interpretiert. Es handelt sich nur um „eines unter vielen beobachtbaren Symptomen“, „die auf das Vorliegen einer leistungsmotivierten Verhaltensdisposition hindeuten“.

 

(Aus: Alfred Bohnen: „Zur Kritik des modernen Empirismus. Beobachtungssprache, Beobachtungstatsachen und Theorien. (1969)“. In „Theorie und Realität. Ausgewählte Aufsätze zur Wissenschaftslehre der Sozialwissenschaften“, herausgegeben von Hans Albert, 2. Aufl. Tübingen 1972, Seite 173)

 

In dieser Demonstration des Sinns des Dispositionsprädikats „leistungsmotiviert“ wird ein instruktives Beispiel erbracht, wie sich „leistungsmotiviert“ konkret darstellt. Nebenbei wird behauptet, dass die Darstellung mehrerer solcher ‚Symptome‘ dieses Dispositionsprädikats denkbar ist.

Bei näherer Betrachtung ergibt sich aber noch mehr: Das ‘instruktive Beispiel’ hat als erste Funktion die instruierende Rolle einer geistigen Klärung darüber, worum es überhaupt konkret geht. Eine zweite, mindestens genauso wichtige Funktion, ist eine Instruktion darüber, wie etwas wirkt und gelingt, oder wie etwas bewerkstelligt wird (prozedurales Wissen, knowing how). Bei dieser zweiten Funktion sieht man wieder den ‘Operationalismus’ am Werk.

 

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Hier geht’s zu:

Die Entwicklung eines Fortschritts im wissenschaftlichen Wissen – dargestellt von John Dewey

 

 

 

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