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Sloterdijk

 

 

Zitate aus

Peter Sloterdijk – Kritik der zynischen Vernunft

(edition suhrkamp, Ffm 1983, 2 Bände)

 

Sloterdijk geht es in diesem Meisterwerk um den Gegensatz (und die dialektische Verschränkung) von Kynismus und Zynismus. Grob gesagt handelt es sich beim Zynismus primär um Macht und beim Kynismus primär um Leben in Wahrheit (wie Vaclav Havel das ausgedrückt hat; siehe Rezensionen bei Amazon, z.B. von „Lectorianus“).

Die hier ausgewählten Zitate sind aus dem ersten Teil von Band 1 – vor allem zu dem Thema, das mich selber besonders interessiert, die Ideologiekritik.

Die beiden Bände sind in meinen Augen durchgängig hochinteressant. Der Autor ist in der Lage in vielerlei Hinsicht eine überlegene Meta-Sichtweise auf wichtigste Themen herzustellen. Man muss ihm nicht in allen Details zustimmen und folgen. Aber wer voreilig meint, Sloterdijk könne seine Behauptungen durchgängig nicht belegen, der bezeugt nach meinem Ermessen nur seine eigene Lebens-Unerfahrenheit und/oder mangelnde Gebildetheit bzgl. der angeschnittenen Themen. Ich persönlich finde, das Buch stellt – bei allen diversen echten oder vermeintlichen Schwachstellen – eine sehr gehaltvolle Goldmine des Geistes dar. Warum ich erst fast 40 Jahre nach der Veröffentlichung auf den Trichter dieses unglaublichen, immerhin doch Suhrkamp-Buches kam, ist mir ein kopfschüttelndes Rätsel!

Nun also zu meinen ausgewählten Zitaten:

 

 

Während Kant in der klassischen Aufklärungszeit die „Kritik der reinen Vernunft“ veröffentlichte, welche die Auswüchse eines Denkens darlegt, das sich nicht an der Empirie orientiert, legt Sloterdijk in diesem Werk eine „Kritik der zynischen Vernunft“ vor. Diese neuere Kritik ist einer modernen Form von Aufklärung zugehörig.

<Was hier unter einem auf große Traditionen anspielenden Titel vorgelegt wird, ist eine Meditation über den Satz: „Wissen ist Macht“ (…)> S.8

 

Die „Kritik der zynischen Vernunft“ hat es vor allem mit der geistigen Situation der Zeit zu tun – z.B. mit Marxisten vs. Konservativen:

<Um 1900 hatte der radikale Flügel der Linken den Herren-Zynismus eingeholt. Der Wettlauf zwischen dem zynisch-defensiven Bewußtsein der alten Machtträger und dem utopisch-offensiven der neuen schuf das politisch-moralische Drama des 20. Jahrhunderts.> S.9

 

‚Die Macht‘ als Kernbereich der Zivilisation

<Wer die Macht nicht sucht, wird auch ihr Wissen, ihre Wissensrüstungen nicht wollen, und wer beides abweist, ist insgeheim schon kein Bürger dieser Zivilisation mehr.> S.12

 

Über die ‚Kritische Theorie‘ (gemeint sind allen voran Adorno und Horkheimer):

<Wenn die Dinge uns brennend auf den Leib rücken, muss eine Kritik entstehen, die das Brennen zum Ausdruck bringt. Sie ist keine Sache richtiger Distanz, sondern richtiger Nähe. (…) Aufklärung will von oben nach unten gehen – bildungspolitisch wie psychosomatisch. Den lebendigen Körper als Weltfühler entdecken, bedeutet der philosophischen Weltkenntnis eine realistische Grundlage sichern. (…)

Die Kritische Theorie beruhte auf der Voraussetzung, daß wir im „Weltschmerz“ von dieser Welt a priori wissen. Was wir von ihr wahrnehmen, ordnet sich in einem psychosomatischen Koordinatensystem von Schmerz und Lust. Kritik ist möglich, sofern der Schmerz uns sagt, was „wahr und falsch“ ist.> S.19f.

<Adorno gehörte zu den Pionieren einer erneuerten Erkenntniskritik, die mit einem emotionalen Apriori rechnet. (…) Wer leidet, ohne zu verhärten, wird verstehen; wer Musik hören kann, sieht in hellen Sekunden hinüber in die andere Seite der Welt. Die Gewißheit, daß das Wirkliche in einer Handschrift von Leid, Kälte und Härte geschrieben ist, prägte den Weltzugang dieser Philosophie. Zwar glaubte sie kaum an Änderung zum Besseren, gab aber der Versuchung, sich abzustumpfen und ans Gegebene zu gewöhnen, nicht nach. Empfindsam bleiben war eine gleichsam utopische Haltung – die Sinne für ein Glück geschärft zu halten, das nicht kommen wird, jedoch uns im Bereitsein für es vor den ärgsten Verrohungen schützt.> S.21f.

 

„Keine große Kritik ohne große Defekte“.

< (…) In Wahrheit ist Pasolini ein Geschlagener, wie Adorno. Es ist das Schmerz-Apriori – daß einem selbst die einfachsten Dinge des Lebens so schwergemacht werden -, welches ihm kritisch die Augen öffnet. Keine große Kritik ohne große Defekte. Es sind die Schwerverwundeten der Kultur, die in großen Anstrengungen, etwas Heilendes zu finden, das Rad der Kritik weiterdrehen. Einen bekannten Aufsatz hat Adorno Heinrich Heine gewidmet, Die Wunde Heine. (…) Aus den Selbstheilungen großer Wunden entstehen Kritiken, die den Epochen als Sammelpunkte der Selbsterfahrung dienen. Jede Kritik ist Pionierarbeit im Zeitschmerz und ein Stück exemplarischer Heilung.> S.25f.

 

Falsches Bewußtsein

<Die bisherige Formenreihe des falschen Bewußtseins – Lüge, Irrtum, Ideologie – ist unvollständig; die aktuelle Mentalität erzwingt die Anfügung einer vierten Struktur, des zynischen Phänomens. Vom Zynismus sprechen bedeutet, das alte Gebäude der Ideologiekritik durch einen neuen Eingang zu betreten versuchen.> S.33f.

 

Moderner Zynismus

<Der moderne Zyniker ist ein integrierter Asozialer (...)” S.36

< (…) unsere erste Definition: Zynismus ist das aufgeklärte falsche Bewußtsein. Es ist das modernisierte unglückliche Bewußtsein, an dem Aufklärung zugleich erfolgreich und zugleich vergeblich gearbeitet hat. Es hat seine Aufklärungs-Lektion gelernt, aber nicht vollzogen und wohl nicht vollziehen können. Gutsituiert und miserabel zugleich fühlt sich dieses Bewußtsein von keiner Ideologiekritik mehr betroffen; seine Falschheit ist bereits reflexiv gefedert.> S.37f.

 

Grenzen der Aufklärung

<Worum es in letzter Instanz geht, sind die sozialen und existentiellen Grenzen der Aufklärung. Zwänge des Überlebens und Selbstbehauptungswünsche haben das aufgeklärte Bewußtsein gedemütigt. Es ist krank an dem Zwang, vorgefundene Verhältnisse, an denen es zweifelt, hinzunehmen, sich mit ihnen einzurichten und am Ende gar deren Geschäfte zu besorgen.> S.39f.

 

Arrangement mit dem Gegebenen

<Die von sich selbst wissende Anpassung, die bessere Einsicht den „Zwängen“ geopfert hat, sieht keine Veranlassung mehr, sich offensiv und spektakulär zu entblößen. (…) Das neuzynische Arrangement mit dem Gegebenen hat etwas Klägliches (…) Er [der profilschwache Zynismus] hat sich in eine triste Abgeklärtheit zurückgezogen, die ihr Wissen, das zu Angriffen nicht mehr taugt, wie einen Makel verinnerlicht.> S.41

 

Widerstand gegen Aufklärung

<Nie hat die Aufklärung ein wirkungsvolles Bündnis mit den Massenmedien schließen können, und nie war ihre Mündigkeit ein Ideal der Industriemonopole und ihrer Verbände. Wie auch?

Offensichtlich wird die Aufklärung durch den Widerstand entgegengesetzter Mächte gebrochen. Es wäre aber falsch, dies nur als eine Frage der Machtarithmetik zu betrachten. Denn sie bricht sich zugleich an einem qualitativen Widerstand im gegnerischen Bewußtsein. Dieses wehrt sich wütend gegen die Einladung zur Diskussion, gegen das „zersetzende“ Gespräch über Wahrheit; dem Reden selbst gilt schon das Ressentiment, weil darin die herkömmlichen Ansichten, Werte und Formen der Selbstbehauptung aufs Spiel gesetzt werden. Die Deutung dieses Widerstands als Ideologiegrund ist zu einem Hauptmotiv der Aufklärung geworden.

Nicht erst in der Moderne bekommt es die Aufklärung mit einem gegnerischen Bewußtsein zu tun, das sich zunehmend in aufklärungsfesten Stellungen verschanzt. Prinzipiell läßt sich die Front bis in die Tage der Inquisition zurückverfolgen. Wenn es wahr ist, daß Wissen Macht ist, wie die Arbeiterbewegung lehrte, so ist also auch wahr, daß nicht jedes Wissen willkommen geheißen wird.> S.45f.

 

Freiwilliger Konsensus der an Begründung Interessierten

<Ich möchte das Thema der unbefriedigten Aufklärung vorerst auf einen Punkt verengen: Die Frage nach den Machtmitteln der Aufklärung angesichts eines gegnerischen Bewußtseins. Nach „Machtmitteln“ zu fragen ist in gewisser Weise bereits unkorrekt – da es der Aufklärung wesentlich um freie Zustimmung geht. Sie ist diejenige „Lehre“, die ihre Durchsetzung nicht einem außervernünftigen Druck verdanken will. Einer ihrer Pole ist Vernunft; der andere das freie Gespräch der um Vernunft Bemühten. Ihr methodischer Kern und ihr moralisches Ideal zugleich ist der freiwillige Konsensus. Damit ist gemeint, daß das gegnerische Bewußtsein unter keinem anderen Einfluß von seiner bisherigen Position abrückt als dem einleuchtender Argumente.

Es handelt sich um ein sublim friedliches Geschehen, wo unter dem Anprall plausibler Gründe alte, unhaltbar gewordene Stellungen des Meinens geräumt werden. Damit trägt die Aufklärung, wenn man so sagen darf, eine utopische Urszene in sich – ein erkenntnistheoretisches Friedensidyll, eine schöne und akademische Vision: die des freien Dialogs der an Erkenntnis zwanglos Interessierten. Hier kommen unbefangene, von ihrem eigenen Bewußtsein nicht versklavte, von sozialen Bindungen nicht unterdrückte Individuen zu einem auf Wahrheit gerichteten Dialog unter Gesetzen der Vernunft zusammen. Die Wahrheit, die von Aufklärern verbreitet werden will, entspringt einem machtlos erzwungenen Beitritt zu den stärkeren Begründungen.> S.47f.

 

Schwerhörigkeit der Aufklärungsgegner

<Die heilsame Fiktion des freien Dialogs aufrechtzuerhalten, ist eine letzte Aufgabe von Philosophie.

Natürlich ist die Aufklärung selber die erste, zu bemerken, daß sie mit rationalem und verbalem Dialog allein nicht „durchkommt“. Niemand kann das Stocken, die verzerrten Lebensvoraussetzungen, die Abbrüche, das Scheitern des Gesprächs schärfer fühlen als sie. Am Anfang der Ideologiekritik steht ja auch ein Staunen über die Harthörigkeit des Gegners – ein Staunen, das schnell einem realistischen Erwachen weicht. Wer nicht hören will, läßt es den anderen fühlen. Die Aufklärung wird daran erinnert, wie leicht offene Sprache in Lager und Gefängnisse führen kann.> S.50

<Die dreifache Polemik der Machtkritik, der Traditionsbekämpfung und des Ansturms gegen Vorurteile gehört zum überlieferten Bild der Aufklärung. Alle drei bedeuten Kämpfe mit dialogunwilligen Gegnern. Mit ihnen will die Aufklärung über Dinge reden, über die Vormächte und Traditionen zu schweigen vorziehen: Vernunft, Gerechtigkeit, Gleichheit, Freiheit, Wahrheit, Forschung. Im Schweigen bleibt der Status quo eher gesichert. Im Reden ist man einer ungewissen Zukunft auf der Spur. Die Aufklärung geht in diesen Dialog mit fast leeren Händen, mit dem zerbrechlichen Angebot der freien Zustimmung zum besseren Argument. Könnte sie sich mit Gewalt durchsetzen, wäre sie nicht Aufklärung, sondern Abwechslung im unfreien Bewußtsein. – Es ist also wahr: die Menschen hängen in der Regel aus ganz anderen als „vernünftigen“ Gründen an ihren Positionen. Was bleibt zu tun?

Die Aufklärung hat aus dieser Lage das Beste zu machen versucht. Da ihr nichts geschenkt wurde, hat sie, fast von Anfang an, neben der friedlichen Gesprächseinladung eine zweite, kämpferische Haltung entwickelt. Sie wird geschlagen, also schlägt sie zurück. (…) Die Geschichte der Ideologiekritik bedeutet großteils die Geschichte dieser zweiten polemischen Geste, die Geschichte eines großen Zurückschlagens. Solche Kritik – als Kampftheorie – dient der Aufklärung zweifach: Als Waffe gegen ein verhärtetes konservativ-selbstgenügsames Bewußtsein und als Instrument der Übung und Selbstbefestigung. Das Nein des Gegners zum Aufklärungsdialog schafft eine so mächtige Tatsache, dass es zum theoretischen Problem wird. Wer an Aufklärung nicht teilhaben mag, muß seine Gründe haben – und wahrscheinlich andere, als er vorgibt. Der Widerstand wird selbst Gegenstand der Aufklärung. So wird aus dem Gegner notwendig ein „Fall“, aus seinem Bewußtsein ein Objekt. Weil er nicht mit uns reden mag, muß über ihn geredet werden. Aber wie in jeder Kampfeinstellung wird von da an der Gegner nicht als Ich gedacht, sondern als Apparat, in dem teils offen, teils verborgen ein Widerstandsmechanismus arbeitet, der ihn unfrei macht und Irrtümer und Illusionen verschuldet.

Ideologiekritik bedeutet die polemische Fortsetzung des gescheiterten Dialogs mit anderen Mitteln.

(…) Genaugenommen will die Ideologiekritik nicht bloß „schlagen“, sondern präzise operieren, im chirurgischen wie im militärischen Sinn: dem Gegner in die Flanke fallen, ihn entblößen, seine Intention entlarven. Entlarvung bedeutet, den Mechanismus des falschen und unfreien Bewußtseins an den Tag legen.> S.52f.

<Ideologiekritik, seriös geworden, ahmt in ihrem Vorgehen das chirurgische Verfahren nach: den Patienten mit dem kritischen Skalpell aufzuschneiden und dabei ordentlich desinfiziert zu operieren. Vor aller Augen wird der Gegner seziert, bis die Mechanik seines Irrtums zutage liegt. Fein säuberlich werden die Oberhäute der Verblendung und die Nervenstränge der „eigentlichen“ Motive abgelöst und präpariert.> S.55f.

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Aus dem “Schluß” in Band 2 noch zwei Zitate:

 

Entspannung in einer nicht mehr feindgetönten Weltbeziehung

<Demnach läßt sich die Idee, daß das Weltganze ein symphonischer Prozeß sei, auch lesen als die Chiffre für die subjektive Fähigkeit zur äußersten Entspannung in einer nicht mehr feindgetönten Weltbeziehung. Wer sich in einer kosmischen Struktur wie in einer Heimat “gehen zu lassen” vermag, der will nicht auf seine Selbstverstümmelung zugunsten eines Moloch-Ganzen hinaus, sondern auf ein schöpferisches Einfließen ins Mögliche und ein unbefangenes Sich-erhalten und -steigern des Daseins. Solches entspricht offenkundig auch dem subjektivsten Vernunftinteresse.> (S. 943f.)

 

 

Produktive Kommunikation vs. Kommunikationsvortäuschungen

<Produktive Kommunikation entzieht sich schon der kalkülhaften Machbarkeit und hat, wo sie gelingt, die Struktur eines Sich-kommunizieren-lassens. Die Zynismus-Analyse hingegen beschreibt die Interaktionen von nicht-entspannbaren Subjektivismen, hochgerüsteten Zentren der Privatvernunft, waffenstarrenden Machtkonglomerationen und wissenschaftsge-stützten Systemen der Hyperproduktion. Sie alle denken nicht im Traum daran, sich unter eine kommunikative Vernunft zu beugen, vielmehr wollen sie diese durch Kommunikationsvortäuschungen ihren Privat-bedingungen unterwerfen.> (S. 946f.)

 

 

 

 

 

 

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