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Ideologische Argumtion
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Methodologische Fragen

1. Das Thema: Was ist Ideologie?

Die „Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie 2“ (herausgegeben von Jürgen Mittelstraß, Verlag J-B. Metzeler, Stuttgart, Weimar, 1995, S. 193-197) liefert eine ziemlich gute knappe Darstellung des Begriffs:

<schillernder, innerhalb verschiedener Schulen unterschiedlich konzipierter, erkenntnis- oder gesellschaftskritischer Terminus der Sozialwissenschaften…>.

<Der Ideologiebegriff wird benutzt, um Theorien, die den Kriterien des Wahrheits- oder des Realitätsbegriffs des eigenen Standpunkts nicht genügen, als bewußte oder unbewußte Täuschung zu kritisieren…>.

Diese Definition würde ich als den ‚engeren Ideologiebegriff‘ bezeichnen.

 

Allerdings gibt es noch hauptsächlich zwei andere, umfassendere, Verwendungsweisen des Ideologie-Begriffs. Zum einen eine sehr allgemeine Vorstellung eines ganzen Systems von Ideen, das einer sozialen Gruppierung oder Organisation zugehörig ist. Diese Verwendungsweise braucht keineswegs eine Abwertung im Sinne von Täuschung oder Unwahrheit bedeuten, wie beispielsweise in der neutralen Verwendung „Ideologie des Liberalismus“. Zum anderen eine kritische Verwendungsweise, die eben auch eine negative Bewertung dieses Systems von Ideen impliziert, indem mit der Verwendungsweise des Begriffs ‚Ideologie‘ systematische Falschheit gemeint ist, z.B. dass  Dogmen und Irrlehren zentrale Bestandteile dieser umfassenden ‚Ideologie‘ sind,  wie beispielsweise in der keineswegs neutralen Verwendung von „Ideologie des Nationalsozialismus“.

Diese beiden umfassenderen Verwendungsweisen würde ich als den ‚weiteren Ideologiebegriff‘ bezeichnen.

 

In dieser Arbeit über ideologische Argumentationstricks verwende ich den engeren Ideologiebegriff. - Wie man bei der obigen Definition erkennt, wird der Begriff negativ verwendet im Sinne von bewußter oder unbewußter Täuschung, die durch die Ideologie bewerkstelligt wird.

Außerdem wird in der obigen Definition angedeutet, dass  der Begriff schillernd ist, indem durch verschiedene Schulen unterschiedliche Ideologiebegriffe zustande kommen. Bekannteste Schulrichtungen, für die der Ideologiebegriff wesentlich ist,  sind der Marxismus und die Wissens-Soziologie Karl Mannheims. Die erste der beiden Richtungen ordnet prinzipiell den Begriff Ideologie den Klassen einer Klassengesellschaft (Marxismus) bzw. gegensätzlichen Interessengruppen zu.

Die Verrenkungen und Verkrampfungen der marxistisch-leninistischen Ideologie-Begriffe kann man gut studieren bei Wolfgang Fritz HaugIdeologie und ideologischer Kampf bei Lenin“ (1979). Hier ein kurzes Aufleuchten dieses Sachverhaltes:

<(…) erscheint es umso problematischer, aus den verschiedenen, teils gegensätzlichen Verwendungsweisen des Ideologiebegriffs bei Lenin eine leninsche Ideologietheorie zu konstruieren. Herausgerissen aus dem Kontext der historischen Situationen, der Kämpfe und Kräfteverhältnisse, die jeweils verschiedene Wortbedeutungen konstituieren, geben die Ideologiebegriffe Lenins nur das Material ab für endlose Zitatschlachten und dogmatische Festlegungen des ursprünglich praktisch-flüssig Artikulierten.> (Seite 13)

 

Zu welchen scholastischen Verästelungen der Ideologiebegriff schließlich bei Karl Mannheim führte, kann Max Horkheimer bezeugen. (Meja, Volker und Stehr, Nico (Hg.): Der Streit um die Wissenssoziologie, Zweiter Band, Ffm 1982, stw 361. Darin der Aufsatz von Max Horkheimer: „Ein neuer Ideologiebegriff?“ S. 474-496, veröffentlicht 1930). Darin stellt Horkheimer (S. 491) fest:

<Hat die Verwandlung des partikularen in den totalen Ideologiebegriff den Blick tatsächlich von den wirklichen Händeln hinauf in die Nebelgefilde sich bekämpfender „Weltwollungen“ gelenkt, so wird uns mit seiner Weiterbildung und Entfaltung der Boden unter den Füßen weggezogen. Denn auf der Stufe des totalen Ideologiebegriffs, auf der angeblich Marx gestanden haben soll, wurde die „Ideologiehaftigkeit“ einer Gesamtanschauung wenigstens noch von einer als unideologisch gedachten Theorie beurteilt. Mit der Aufhebung dieser Beschränkung des totalen Ideologiebegriffs, d.h. seiner Umwandlung in den allgemeinen, fällt diese Unterscheidung weg und „das menschliche Denken bei allen Parteien und in sämtlichen Epochen wird zur „Ideologie“ gestempelt. Hierbei wird der Ideologiebegriff gründlich von den Resten seiner anklägerischen Bedeutung gesäubert und seine Einbürgerung in die Geistesphilosophie vollendet. Wenn überhaupt jedes Denken als ideologisch gekennzeichnet werden soll, wird es offenbar, daß Ideologie ebenso wie „Partikularität“ nichts anderes bedeutet als die Unangemessenheit an die ewige Wahrheit. Es mag zwar gewisse Unterschiede in der jeweiligen Echtheit oder Überlebtheit von Gedanken geben; aber „ideologisch“ sind sie grundsätzlich alle, denn sie sind „seinsgebunden“.

Wer an einer genaueren kritischen Auseinandersetzung mit Karl Mannheims ‚Wissenssoziologie‘ interessiert ist, kann in dem oben angeführten Reader von Meja und Stehr fündig werden, insbesondere bei: Alexander von Schelting (1934) „Die Grenzen der Soziologie des Wissens“, S. 756-890.

Ich möchte lediglich behaupten, dass dieser Klassenstandpunkt  des Marxismus als auch die Mannheim‘sche Scholastik meiner Ansicht nach in eine theoretische Sackgasse geführt hat. Für meine eigenen Analysen sind Klassen oder historische Fortschrittlichkeit ein untergeordneter Sachverhalt gegenüber dem Versuch, das parteiische private, Klassen-, Gruppen-, oder gar offizöse Gesellschafts-Interesse mit Hilfe autoritärer Informationsmanipulation durchzusetzen. Davon ist kein Privatmensch, keine Klasse, keine Interessengruppe, keine Berufsgruppe und auch nicht die Offizial-Gesellschaft in den offiziösen Institutionen per se frei. Diese autoritären Informationsmanipulationen bestehen zu einem gewichtigen Teil in jenen (keineswegs vollständig erschlossenen) Argumentationstricks, die ich in meiner Arbeit aufführe. ‚Autoritär‘ werden diese Informationsmanipulationen von mir benannt, weil sie amoralisches Verhalten decken sollen und für sich einen ungebührlichen Vorteil in der Argumentation herstellen wollen. Die Ungebührlichkeit bemesse ich an einem bestimmten Maßstab, den ich nun erläutern will.

 

2. Der Wertmaßstab – die instrumentale Norm bei Myrdal

Gunnar Myrdal hat in seinem Buch „An American Dilemma. The Negro Problem and Modern Democracy, New York 1944, einen Maßstab eingeführt, den er die „instrumentale Norm“ nannte. (Siehe Gunnar Myrdal „Das Wertproblem in der Sozialwissenschaft“, Schriftenreihe des Forschungsinstituts der Friedrich-Ebert-Stiftung, Verlag Neue Gesellschaft, Bonn-Bad Godesberg 1975. In jenem Buch wird ausführlich von S. 85-313 jene Arbeit vorgestellt und auf S. 173f. jene „instrumentale Norm“). Um zu verstehen, was Myrdal meint, bringe ich hier einige Zitate:

<Die Wahl der instrumentalen Norm hat materielle Bedeutung. Diese Norm bestimmt die gesamte Richtung unserer theoretischen Forschung. Wir haben damit einer speziellen Reihe von Wertungen eine strategisch bevorzugte Stellung innerhalb der Untersuchung eingeräumt. Das ist kein alleiniges Merkmal unserer Untersuchung, sondern findet sich in jeder wissenschaftlichen Arbeit, die über ähnlich beschränkte Forschungsgrundlagen verfügt. Es ist keine Ungenauigkeit, da die Richtung der Forschung unter gewissenhafter Kontrolle und mit Hilfe expliziter Wertungen festgelegt worden ist.>

<Im 4. Kapitel, Abschnitt 2, haben wir die Gründe genannt, weshalb wir diesem Werk eine Kombination von Wertungen, die wir den „amerikanischen Glauben“ nannten, eine zentrale Stellung eingeräumt haben.>

Ich möchte jetzt nicht diesen „amerikanischen Glauben“ im Einzelnen darlegen. Es geht zum Beispiel um die Ideale der US-amerikanischen Verfassung. Obwohl fast jeder US-Amerikaner diesem Glauben anhängt, wurde er dennoch real vielfach missachtet. Dies kommt in dem folgenden Zitat zum Ausdruck:

<Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Neger in politischer Hinsicht konzentrierte sich auf die Vorenthaltung der politischen Rechte. Das bedeutet: Das Interesse ist aus der Ansicht heraus entstanden, die außergewöhnliche Konstellation, die man untersuchen müsse, sei die Tatsache, daß der Neger in Amerika vielfach nicht das gleiche Recht hat zu wählen wie andere. Ganz ähnlich basierten die Untersuchungen des Rechtsstatus des Negers auf den spezifischen rechtlichen Benachteiligungen des Negers. Die Bildungsmöglichkeiten für Neger wurden gleichfalls in erster Linie unter dem Aspekt der Diskriminierung erforscht. Dasselbe gilt für die Betrachtung der Verdienstmöglichkeiten der Neger. Der Lebensstandard der Neger wurde mit dem der Weißen verglichen. Der Anteil des Negers an den Früchten der Wohlfahrtspolitik wurde auf der Basis des Gleichheitsprinzips gemessen. Diskriminierung ist das Schlüsselwort für die meisten Untersuchungen des Negerproblems. Gerade dieser Begriff – und all seine Synonyma und Spezifizierungen – und die theoretische Annäherung, die er kennzeichnet, sind aus den Maximen des amerikanischen Glaubens abgeleitet.>

Der ‚amerikanische Glaube‘ ist ein speziell der US-Gesellschaft zugehöriger wesentlicher sozialer Tatbestand, wodurch das Neger-Problem als Problem in den USA überhaupt objektive Relevanz hat. Wenn es in Afrika ein Diskriminierungs-Problem unter Negern gibt, wird wohl kaum eine Verfassung oder ein gesellschaftlicher Glaube an ideale Werte dieses Problem ernsthaft fokussieren. Es handelt sich dann um ‚Stammesrivalitäten‘ und dergleichen. – Ich will damit sagen, dass der ‚amerikanische Glaube‘ und seine Diskrepanz zur Lebensrealität vieler Neger tatsächlich ein objektives gesellschaftliches Problem speziell der USA darstellt – und nicht einfach nur ein subjektiver Maßstab Myrdals bei seinen wissenschaftlichen Untersuchungen ist.

 

Mit der Darlegung dieser ‚instrumentalen Norm‘ von Gunnar Myrdal habe ich ein Beispiel aufgezeigt, wonach ein Wertmaßstab innerhalb einer sozialwissenschaftlichen Arbeit nichts Abartiges darstellt, sondern, wenn man Myrdals wissenschaftstheoretische Darlegung der Bemessung eines sozialen Sachverhalts an einem Wertmaßstab akzeptiert, ist ‚Messung‘ eines sozialen Tatbestandes an einem Wertmaßstab als Norm durchaus sinnvoll. In jedem Fall jedoch geht es nicht um irgendeinen (mehr oder weniger willkürlichen) Wertmaßstab, sondern um einen solchen, der die eigentliche, objektive Natur des Sachverhaltes aufzudecken in der Lage ist.

 

3. Der Wertmaßstab (die instrumentale Norm) der Untersuchung über die ideologischen Argumentationstricks

In meiner Arbeit verwende ich ebenfalls eine instrumentale Norm, um damit einen Kontrast darzustellen. Und zwar besteht der Wertmaßstab in der haltbaren Argumentation. An ihr wird die Unhaltbarkeit einer Argumentation bemessen. Wenn diese Unhaltbarkeit aufgezeigt werden kann, ist des Weiteren noch die Zielgerichtetheit jener Unhaltbarkeit aufzuzeigen. Also, dass es sich nicht einfach um einen Irrtum, einen flapsigen Fehler in der Argumentation handelt, sondern dass hinter dieser speziellen Unhaltbarkeit ein amoralisches Interesse steckt und dass diese Unhaltbarkeit eine Manipulation der argumentativen Situation darstellt.

Wenn also beispielsweise jemand klarmachen will, dass die Kreuze in den Amtstuben Bayerns nix anderes sind als eine anti-säkulare Religionsbekundung und somit mit den anti-säkularen Scharia-Vorstellungen des Islam verwandt sind, so liegt hier insofern ein Fehler in der Analogie vor, als die antisäkulare ‚Scharia‘ in der Regel wesentlich einschneidendere Bestimmungen in sich birgt, als lediglich das nationale Emblem „Allah“  in ein Klassenzimmer in der „Islamischen Republik Iran“ anzuheften. (Siehe auch: https://www.igfm.de/die-wiedereinfuehrung-des-islamischen-strafrechts-im-iran/ ). – Nachdem also diese Unhaltbarkeit der Argumentation geklärt ist, kann natürlich die Vermutung auftauchen, dass es sich bei dem Kreuz-im-bayrischen-Klassenzimmer-Argument nicht einfach um einen Lässigkeitsfehler (einen Irrtum) handelt, sondern dass hier eine gewisse Zielgerichtetheit der Fehlargumentation vorliegt, nämlich in Richtung auf Verharmlosung des Islam. Selbst wenn das tatsächlich nicht der Fall sein sollte, so wäre dies immerhin eine Denkmöglichkeit für ein ideologisches Argument im Sinne einer autoritären Informationsmanipulation. Für eine empirische Untersuchung ist es selbstverständlich zweckvoll, wenn man möglichst einen echt gelaufenen Kontext benutzt, bei dem es wahrscheinlich ist, dass es sich tatsächlich um den Versuch autoritärer Informationsmanipulation handelt. Also z.B. wenn dieses Argument von einem ‚Islamexperten‘ vorgebracht würde, von dem man annehmen kann, dass er weiß, was die Anwendung der Scharia, beispielsweise im Iran, real bedeutet.

 

Bei der von mir verwandten instrumentellen Norm handelt es sich um das Prinzip haltbarer Argumentation. In dieses gehen folgende verschiedene Quellen ein:

 

    Erstens: Von den 10 Geboten der Pragma-Dialektik (siehe ab S. 126) von Grootendorst und Van Eemeren:

  • Das 1. Gebot: „Freedom Rule“: Uneingeschränktes Recht Meinung zu äußern. Der Sprecher darf nicht gehindert werden, Standpunkte vorzubringen oder Standpunkte anzuzweifeln. (Beispielsweise bei Trick No. 01).
  • Das 3. Gebot: Ein Widerlegungsversuch muss sich auf denjenigen Standpunkt beziehen, der tatsächlich von der Gegenpartei in der Diskus-
  • sion geäußert worden ist. (Beispielsweise bei Tricks No. 13, 22).
  • Das 5. Gebot: Es dürfen  dem Kontrahenten  nicht  Prämissen  unterstellt  werden,  die  sich  aus  seinen  Äußerungen  gar  nicht  entnehmen lassen. (Beispielsweise bei Trick No. 20).

 

  • Zweitens: Das Konzept der „Immunisierungs-Strategie“ des Kritischen Rationalisten Hans Albert. Diese Strategie dient dazu, ein Dogmensystem oder ein Machtkartell vor Kritik zu schützen. (Beispielsweise bei Tricks No. 11, 12, 15, 17, 26 usw.)

 

  • Drittens: Diverse ‚Fallacies‘ (Fehlschlüsse) – ein Lehrfach, das an US-Amerikanischen Schulen und Universitäten offenbar eine besondere Rolle spielt, jedenfalls gibt es erstaunlich viel einschlägige Literatur zu dem Thema vor allem aus den USA.

<Unter dem Begriff critical thinking ist die Argumentationstheorie schon seit den 70er-Jahren Teil der universitären und wissenschaftlichen Ausbildung im englischsprachigen Raum.> (Aus pub Open Access Publikationsserver, Universität Graz: Zusammenfassung der Diplom-Arbeit „Die Stellung der Argumentationstheorie im Philosophieunterricht an Schulen / vorgelegt von Anton Polzhofer“ (2011)). Darin auch das folgende Zitat (S. 8/9):

<Im englischsprachigen Raum ist die Argumentationstheorie schon länger ein fester Bestandteil des Einführungsunterrichts in Philosophie. Dort ist diese Richtung der Philosophie geprägt durch den Ausdruck critical thinking und verfolgt den philosophisch fundamentalen Zweck, Schüler die Kunst des guten Argumentierens zu lehren. Argumentative Kompetenz ist nicht nur grundlegendes Prinzip der Philosophie, sondern findet ihre Berechtigung auch im Alltag sowie in öffentlichen Themengebieten wie der Politik oder den Medien.>

 

  • In meiner Arbeit finden sich Fallacies beispielsweise bei Trick No. 06 - ‚Abusive [beleidigendes] ad hominem‘. Bei Trick No. 23 Fallacy argumentum ad populum.  Bei Trick No. 24 Fallacy Red Herring.
  • Usw.

 

  • Viertens: Sonstige Fehlschlüsse, die von einzelnen Philosophen, etwa Aristoteles oder Schopenhauer, behandelt wurden. Beispielsweise bei Trick No. 2 – Aristoteles zum Thema ‚Sophismus‘. Bei Trick No. 3 - Schopenhauers „Eristische Dialektik“ der „Kunstgriff 2“: „Die Homonymie benutzen, um die aufgestellte Behauptung auch auf das auszudehnen, was außer dem gleichen Wort wenig oder nichts mit der in Rede stehenden Sache zu tun hat.“

 

  • Fünftens: Von mir selber aufgewiesene argumentative Mangelhaftigkeiten. Beispielsweise bei Trick No. 3 - Ungerechtfertigte Zuordnung eines Elements zu einer Menge mit definierten Eigenschaften. Bei Trick No. 4 – Falsche Analogie. Bei Trick No. 7 – Schönfärberei. Bei Trick No. 8 - Von Vorurteilen getragene abwertende Art der Befragung.
  • Usw.

 

Wie man erkennt, ist mein Wertmaßstab an der Argumentation orientiert. Also beispielsweise nicht an der Wissenschaft wie bei Theodor Geiger (Ideologie und Wahrheit, Stuttgart-Wien 1953). Dieser Versuch Geigers kann als gescheitert gelten, wie Hans Albert m.E. überzeugend aufgezeigt hat (Hans Albert: „Ideologie und Wahrheit“, in Konstruktion und Kritik. Aufsätze zur Philosophie des kritischen Rationalismus, Hoffmann und Campe, Hamburg 1972, S. 168-192).  Albert kommt zu dem Ergebnis (S. 184):

<Mir scheint das ganze Unternehmen, das ja vom Ansatz her im wesentlichen darauf abzielt, Ideologie und Wissenschaft scharf zu unterscheiden (…) im Sinne dieses Ansatzes gescheitert zu sein.>

Eine weitere, relativ ausführliche kritische Auseinandersetzung mit der Geigerschen Ideologie-Theorie findet sich bei Hans Albert in seinem Werk „Traktat über kritische Vernunft“ (19681 S. 80-86 und 19915 S. 96-103: Das Ideologieproblem in kritizistischer Perspektive).

 

Der Wertmaßstab ‚Argumentation‘ im Zusammenhang mit Ideologie ist meines Wissens bislang ungewohnt. Er ist aber meiner Ansicht nach trotzdem keine rein subjektive Marotte, sondern er könnte sich im Laufe der Zeit allgemein durchsetzen – insoweit die kommunikativen Auseinandersetzungen in der Gesellschaft sich in Richtung auf haltbare Argumentation hin zivilisieren.

 

Was vielleicht einige an den ‚Tricks‘  irritiert, sofern politische Beispiele aufgeführt sind, dass es kein Privileg einer speziellen Interessengruppe oder Klasse ist, Ideologien im Sinne autoritärer Informationsmanipulation zu produzieren; m.a.W. dass hier in dieser Arbeit keine einseitige Auswahl bzgl. irgendeiner Gruppe oder gesellschaftlichen Klasse getroffen wird, da  es ja um objektive, wertfreie Realitätserkenntnis gehen soll.

 

4. Kritische Prüfungsmöglichkeiten der dargestellten Sachverhalte

Die vorgestellten ‚Beispiele‘ zu jedem Trick sind keine statistischen Häufungen, sondern dienen einerseits exemplarisch als Aufweis der Existenz des Tricks; des Weiteren haben sie eine instruktive Funktion als Musterbeispiel: Geht man nämlich tatsächlich explizit auf den Inhalt eines Beispiels ein, so ist es insofern aufschlussreich für den Sachverhalt, als es über die wesentliche Struktur desselben Aufklärung verschaffen kann. Bzgl. eines Sachverhaltes sehe ich das instruktive Beispiel als das wichtigste für die Erkenntnis an. Und da man immer differenzierter die Struktur eines Sachverhaltes anhand verschiedener instruktiver Beispiele erkennen kann, ist dies ein qualitatives Ergebnis. So z.B. stellt das 3. Beispiel in Trick No.1 (Bote schlechter Nachrichten), also das Stalin-Beispiel, eine zusätzliche Differenzierung her, wonach die Verurteilung der Boten schlechter Nachrichten noch den weiteren Zweck verfolgt, „dass in Zukunft, anstatt ehrlicher Leute, nur noch Arschkriecher und Schleimscheißer zum Zug kommen sollen.“

Bei der kritischen Prüfung geht es um die Akzeptanz der im Text aufgestellten Behauptungen. Als erstes kommt die Frage auf: Dient das Beispiel tatsächlich exemplarisch als Aufweis der Existenz des Tricks? Oder gibt es kritische Einwände?  M.a.W.: Ist die Beschreibung des Tricks mit dem Beispiel kompatibel?

Dann die Frage: Handelt es sich überhaupt um einen ideologischen Trick im Sinne von autoritärer Informationsmanipulation? Dazu muss erstens überprüft werden, ob tatsächlich Haltlosigkeit der Argumentation vorliegt und zweitens ob es sich nicht einfach um eine Fehlhaltung, einen Irrtum handelt oder ob es sich tatsächlich oder wahrscheinlich um den (bewussten oder unbewussten) Willen einer autoritären Informationsmanipulation handelt, die einen amoralischen Zweck verfolgt.

 

5. Möglichkeit von Prognosen

Der prognostische Wert eines (erkannten) Tricks ergibt sich aus der Annahme, dass hinter dem Trick ein bestimmtes amoralisches Interesse liegt. Dies setzt natürlich voraus, dass es sich (sehr) wahrscheinlich bei dem betrachteten Unterfall des Tricks (also das, was in meiner Tabelle ‘Beispiele’ eines Tricks sind), um keinen einfachen Fehlschluss aus platter Unkennntnis der Sachlage handelt.

Dieses amoralische Interesse ist für jenen Unterfall im Detail zu entschlüsseln. Jeder Unterfall erfordert eine jeweils eigene Theorie. Selbst wenn diese Theorie nicht ad hoc zur Verfügung steht, so besteht dennoch der implizite Auftrag, solch eine Theorie zu entwickeln, um den Grund für die spezielle Anwendung des Tricks zu entschlüsseln.

Eine solche Theorie kann übrigens je nach Person variieren. Um zu dem obigen Beispiel in Abschnitt 3. - dem Kreuz-im-bayrischen-Klassenzimmer-Argument -  zurückzukehren:

Fall 1: Bei einer Frau in den besten Jahren könnte der Verharmlosung des Islam ein sexuelles Motiv zugrunde liegen. Die Frau könnte ein potentielles Interesse beispielsweise an “süßen Syrern” haben, die im Laufe der sog. ‘Flüchtlingskrise’ nach Deutschland kamen. Der Amoralismus, der sich hinter der tricky Argumentation verbirgt, wäre dann die Ahnung, dass die Ungleichgewichtigkeit der Geschlechter in Deutschland zunimmt (es handelte sich in der Überzahl um Männer, die als Flüchtlinge nach Deutschland kamen) und die Frauen dadurch einen Vorteil über die Männer erlangen (mit allen negativen Folgen für die bestehenden Beziehungen, falls die Motivation konkret wird). Diese Motivation muss natürlich kaschiert werden, um keine gesellschaftlichen Gegenreaktionen zu erzeugen.

Fall 2: Ein evangelischer Pastor, der dieses Kreuz-im-bayrischen-Klassenzimmer-Argument benutzt, um den Islam zu verharmlosen, könnte folgendes Interesse mit der tricky Argumentation kaschieren: Er könnte in einer starken, gläubigen Islam-Fraktion in Deutschland (und Europa) ein Gegengewicht erkennen gegen die zunehmende Tendenz zu Atheismus und Säkularismus mit entsprechenden Kirchenaustritten. Er würde dann die Hoffnung haben, gemeinsam mit dem Islam als Verbündeten, eine Erneuerung christlicher Frömmigkeit zu erreichen, eine Restauration der vorwissenschaftlichen “sozio-kosmischen Ideologie”, wie man sie vom US-amerikanischen christlichen Fundamentalismus her kennt. (Zum Thema sozio-kosmische Ideologie siehe Ernst Topitsch “Staat und Mythos in den archaischen Hochkulturen” in Gerhard Szczesny (Hg.): Club Voltaire II, Jahrbuch für kritische Aufklärung, Rowohlt, Hamburg 1969, S. 255-272).

Der Amoralismus, der sich hinter der tricky Argumentation verbirgt, wäre dann der Kampf gegen die freiheitliche Verfassung mit ihrer Grundlage des aufklärerischen Säkularismus. Auch hier wieder muss diese Motivation kaschiert werden, um keine gesellschaftlichen Gegenreaktionen zu erzeugen.

 

6. Abschließende Bemerkungen

Die 50 von mir in dieser Arbeit erkannten ideologischen Argumentationstricks stellen sehr wahrscheinlich keineswegs das Ende der Fahnenstange dar. Ich vermute stark, dass sich noch mehr solcher Tricks entdecken lassen. Allerdings kann es sich herausstellen, dass sich manche auch schon unter die gegebenen Tricks subsumieren lassen.

Eine weitere Frage wäre, inwieweit eine in irgendwelchen Hinsichten systematische Umsortierung, etwa im Sinne von unterschiedlichen Verwandtschaften der Tricks, Ergebnisse weiterführender Art produzieren könnte.

Das Thema ist also möglicherweise noch offen für sinnvolle weitere Bearbeitung.

 

 

 

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